Bücher der Verlage

Kaktus und KanarienvogelRoman einer Traumatisierung.
Ist es ethisch vertretbar, sich der Wahrnehmungsverschiebung einer verletzten Seele zu bedienen, um eine erzählerische Welt aufzubauen?
Ja, unbedingt – wenn sie erzählerisch bewältigt ist, wenn sie uns mehr zeigt als oberflächliche Phänomene, wenn sie hinter der sichtbaren, zugänglichen Welt auch die verborgene und abgespaltene Welt erscheinen läßt.
Dies leistet die Autorin Sophie Heeger, die durch ihre Kriminal-Romane (und es sind eher Romane denn Krimis) bei S. Fischer und im Ullstein Verlag bekannt geworden ist. Und sie schafft dies mit der gebotenen Sorgfalt und Vorsicht – ihrer Figur Anna gegenüber und ihren LeserInnen gegenüber.

Als diese sind wir unterwegs in einer traumartigen Welt, in der eine Frau von nichts bedrängt scheint als von der Organisation einer Reise, die sie selbst »Flucht« nennt. Mehr irritiert uns anfangs nicht, wenn wir ihr nach Venedig, Amsterdam und Paris folgen und sie aus wundersamen Begegnungen einen Kaktus und einen Kanarienvogel in seinem Käfig übernimmt. Beide hat sie an ihren verlockenden Destinationen halbfremden Menschen zu übergeben, so lautet ihr eindeutiger Auftrag.
In die Wirklichkeit der Reisenden brechen jedoch schon bald Beklommenheit und Schrecken ein, die reisende Frau nimmt einen wandelbaren, unsicheren Boden unter ihren Füßen wahr und sie wird zum Opfer von gewalttätiger werdenden Figuren.
Was als märchenhafte Erzählung unter dem Blickwinkel von Anna beginnt und beinahe bezaubert, bricht mehr und mehr, um schließlich einem klaren Blick auf die dissoziative Wahrnehmung eines schwer traumatisierten Menschen zu weichen.
Mehr kann Literatur kaum leisten als diese Subtilität aufzubringen, die nötig ist, die mühseligen Übergänge zwischen so harsch getrennten Welten aufzufangen.

Das Buch ist erschienen im axel dielmann - verlag